Laudatio

Laudatio 2014 Vernissage Schloß Plaue

Einige Bemerkungen zur Malerei Tatjana Orlobs

Der große italienische Lyriker Giuseppe Ungaretti (1888-1970) scheint mit seinem Gedicht (Morgendlich und Nächtlich, Friedvolle Weite …) die Bilderwelt unserer Künstlerin vorausgeahnt zu haben.

Die neuen Landschaftsbilder von Tatjana Orlob zeigen in exemplarischer Weise ein künstlerisches Natur-Verhältnis an. Die Physiognomie der Landschaft und die ihr zugrunde liegenden Faktoren sind der Antrieb dieser Arbeiten.

Die Künstlerin betätigt sich hier als Geologin, die die Schichtungen der Gesteine, die Fossilien und Versteinerungen minutiös wiedergibt: Vom Petrefakt zum Artefakt. Die Vielfältigkeit der vorgefundenen Natur wird einer intensiven Auseinandersetzung für Wert befunden. In deren Folge wird der Unterschied zwischen der durch menschlichen Eingriff umgestalteten Natur in Form der Kulturlandschaft und der Naturlandschaft herausgearbeitet: Durch bildnerische Phantasie. Die Spuren der Veränderungen scheinen auf. Es entsteht der Eindruck eines zeitlosen Glücks. Hoffnungen und Sehnsüchte, Wünsche werden beim Betrachter hervorgerufen – wenn die Intentionen der Künstlerin aufgehen.

Die starke Emotionalität dieser Bilder hat mit dem Überschuß an Schönheit zu tun, hervorgerufen durch zurückgenommene Farbigkeit und menschlich dimensionierte Form. Die Landschaft ist das eigenständige Bildthema, nicht als Hintergrund oder Bühnenschmuck. Landschaftsbilder als autonomes Genre sollen ein Gefühl für das Schöne vermitteln. Die Vermischung zwischen Naturelementen und Architekturmotiven dient diesem Ziel. Die Natur ist die allein maßgebende Instanz und verlangt vom Künstler eine Unterordnung unter ihre normbildende Kraft. Kunst ist nur das virtuell in der Natur angelegte. Tatjana Orlob sieht ihre Aufgabe darin, die in der Natur enthaltenen und verborgenen Möglichkeiten aufzudecken und sichtbar zu machen.

Ihre Studienaufenthalte vor Ort im mediterranen Raum haben eine Bildsprache entstehen lassen, die die konkreten Gegebenheiten aufnehmen, im Zuge der Beschäftigung aber aufheben, generalisieren. Dies ist eine Position in der zeitgenössischen Kunst, die fast romantischen Idealen verpflichtet ist, dies aber mit einem gegenwärtigen Blick. Das Gewaltige, die Meermetaphorik und das Erhabene rufen noch einmal die Macht der Natur in Erinnerung. Daß diese Erinnerung von durchaus melancholischen Momenten durchsetzt ist, macht die Handschrift Tatjana Orlobs aus.

WEIT

Versa den 15. Februar 1917

Weit weit

wie einen Blinden

haben sie mich geführt an der Hand

Ein Künstler entwickelt seinen Stil, seine Eigenart im Laufe der Zeit. Angetreten in einem ursprünglichen Beginn verändert sich in der Regel Material und Motiv, Technik und Sujet.

Die Neigung, unterschiedliche Phasen und Perioden im Werk einer Malerin auszumachen, ist nachvollziehbar, obwohl sie manchmal eher angestrengt und forciert wirkt. In unserem Fall ist die Malerei Frau Orlobs in eine wirklich neue Entwicklung eingetreten. Die Künstlerin wechselt das Sujet und zeigt uns fast realistische Porträts privatester Natur. Welche Überwindung, ja welcher Mut für diese ästhetische Grenzüberschreitung notwendig gewesen sein muß, bleibe dahingestellt. Das Ergebnis rechtfertigt das Unternehmen hervorragend. Ob es sich wirklich um ein dauerhaftes Thema handelt, wird die Zukunft zeigen. Bleiben beide frontalen Kopfporträts Einzelstücke, ließe sich fundierter räsonieren. So ist die stetig wachsende Zahl der Freunde Tatjana Orlobs beschenkt mit einer anrührenden Erweiterung ihres Oevres, der bildnerischen Spiegelung eines Psychogramms.

Die Offenheit dieser Bilderwelt lädt zu einer unbefangenen Betrachtung geradezu ein. Warum nicht zu Ostern?

Robert Simon

 

Laudatio 2013 Vernissage Kunsthalle Brennabor

‚Zu den Bildern von Tatjana Orlob:

Jeder, der sich den Bildern TOs nähert, ihnen zuwendet, sollte möglichst nicht gewappnet sein. Obwohl es kein voraussetzungsloses Sehen gibt, scheint jede Befrachtung mit vorformulierten ästhetischen Konzepten hinderlich. Der freie Blick öffnet sich dieser Kunst in individueller Lesart. Ein kleiner Versuch sei hier gemacht, der nichts festlegen will, nur ermöglichen. Gewissermaßen: Eine Lesart.

Wie für jede Landschaftsmalerei nimmt auch hier das Verhältnis von realer Anschauung und Phantasie als Traumland für sich ein. Die spirituelle und atmosphärische Seite ihres Werkes leuchtet in ihren Bildern buchstäblich auf. Keine dominiert die andere. Wir haben es mit einer durchgehend unironischen Kunst zu tun, die ihrem Gegenstand durch Ernsthaftigkeit in der Auseinandersetzung gerecht werden will, ohne Überhöhung, Mythisierung.

Intergraler Bestandteil Ihres Werkes sind der Mond, das Meer (Wasser) und das Land, verstehbar als Chiffren für das Leben, als Existenzbedingungen. Das Visualisieren von Phänomenen der Natur und die Verwendung von atmosphärischen Kräften – wasser in wasser aus der Serie blau – ist richtungsweisend. TO, eine Künstlerin, die sich in ihrer Werkbiographie fortwährend mit der menschlichen Wahrnehmung in Beziehung mit Naturphänomenen auseinandergesetzt hat, ist weit gekommen. Die Suche nach dem Absoluten, die in keinem Finden aufgeht oder endet, fasziniert den Betrachter.

Nichts in ihrer Kunst deutet auf Exaltiertheit. Ihre Zuneigung zum konkret gewählten Gegenstand, ihr ins Auge springender Enthusiasmus begründet ihre künstlerische Geste. Wäre der Begriff nicht leicht überstrapaziert, wäre das Wort von der organischen Malerei hier am Platz. Die Rückkehr zum Malkörper, die Spannung zwischen Materie und Raum, die man manchmal aufgelöst wähnt, nimmt den Betrachter mit in einen freien geistigen Bereich. Die Einbeziehung des Körpers (Mond) öffnet eine neue Ausdrucksdimension. Der permanente Rückgriff auf Grundelemente, die Komposition von Formen im Raum, die räumliche Tiefe – all dies erzeugt eine Gestimmtheit, die den Unvoreingenommenen zu einer Reise einlädt, deren Zielort unbekannt ist. Hier ist die Reise das Ziel, wenn man so will eine metaphysische Suche.

Der große deutsche Lyriker Oskar Loerke hat in seinem „Nachtlied zum Himmel“ die Malerei TOs bereits vor 100 Jahren sprachlich eingefangen:

‚Im blauen Nichts sind angebrannt Die Welten.

Ich hebe meine dunkle Hand Auf Welten.

Die dunkle Hand zuckt auf und weicht Von Welten. …

Sie wollte spielen, eh es bleicht Mit Welten.‘

Klaus Freund

 

Laudatio 2007 Vernissage Deutsche Bank:

‚Die Poesie der Dinge (Tatjana Orlob-Runge)
Als ich das erste Mal Arbeiten von Tatjana Runge sah, war ich gefangen von der Materialität ihrer Malerei, die unprätentiös ist und gleichwohl, vielleicht gerade deswegen: geheimnisvoll. Hier ist nichts Postulat, alles Durchdringung. Dass sich die Mischtechnik mit Acryl und Pastell aut Leinwand oder Holz für ihr bildnerisches Verfahren anbietet, wird beim zweiten Blick offensichtlich. Die Darstellung und ihre Technik fallen in eins. Jedes dieser Bilder strahlt eine Wärme aus, die in der gegenwärtigen Malerei nicht häufig anzufinden ist. Hervorgerufen wird diese Grundwärme durch die immer dezente, niemals schrille, adäquate Farbgebung und die nicht unwichtige Wahl des Formats. Dieses Format ist menschlich und einladend.
Jede Form von Repräsentationsmalerei ist dieser Künstlerin schlicht fremd. Jede ästhetische Angeberei läuft hier leer. Gleichweit entfernt von Kitsch und Kunsthandwerk überzeugt Tatjana Runges Malerei durch die Genauigkeit des Blicks. Etwas Schönes ,,schön“ darzustellen ist eher verpönt und gilt als nicht chic. Diese Malerin stört das überhaupt nicht. Ihre bevorzugten Motive (Blumen, Monde, Steine) sind in ihren Bildern nicht tote Materie – die Malerei bringt sie zum Leben, zum Leuchten. Durchaus in der Tradition eines Paul Klee stehend, schafft – sowohl Format wie Bildaufbau betreffend – sie es, komplexe Farbstrukturen entstehen zu lassen, die die Bilder immer wieder anders erlebbar werden lassen.
Diese Malerei wächst mit der Umgebung und an der Umgebung. ,,Auf dem langen Wege, aus dem Auge durch den Arm in den Pinsel, wie viel geht da verloren”, sagt der Maler Conti in Lessings ,,Emilia Galotti”; und ein großer Teil der modernen Kunst widmete sich dem Versuch, diesen Weg zu verkürzen und das Erlebte unmittelbar auf die Leinwand zu bringen, zur Not mit bloßen Fingern. Tatjana Runges Vorgehensweise  weist den umgekehrten Weg: klare Konturen, Unterscheidbarkeiten und feine Kontraste auf limitiertem Raum.
Und es gibt noch etwas, was mich für diese Bilder gewonnen hat: ihre profunde Musikalität. Es sind kammermusikalische Etüden, leise, zärtlich, berührend, Divertissements. Etüden von Chopin und Debussy, die Gymnopédie von Satie entsprechen dem Gestus dieser Bilder. Er ist der Biografie und Lebenswelt der Malerin eingeschrieben: das helle Licht des Südens beleuchtet ihre Gegenstände. Das Leichte, das so schwer herzustellen ist, hier gelingt es. Alles Schwere, vermeintlich Tiefe, ,,Deutsche” hat keinen Ort. Elegisch und in sich gekehrt bewahren die Bilder ihren Stimmungsgehalt.‘

Robert Simon

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